WordPress ist sicher ein toller Platz zum Bloggen. Bei vielen Leuten sieht das richtig gut aus. Nur leider habe ich das nie hingekriegt. wie so oft sitzt das Problem wahrscheinlich vor dem Computer, aber das ändert ja nichts daran, dass sich meine Vorstellung nicht auf die Seite übertragen ließen. Deshalb habe ich auf gegeben und ziehe heute um. Ihr findet mich in Zukunft da:
Heiligenthal guckt Tatort
Oktober 4, 2010
Allgemein Hinterlasse einen Kommentar
Wieder einmal sucht sich der Münchner Tatort seine Leitmotive im religiösem und wieder einmal gelingt ein fantastischer Krimi jenseits aller „Who dunnit“ Fragen!
Leitmayr und Batic sehen sich mit einer verworrenen Gemengelage konfrontiert. Ein Häftling tot, tags darauf ein anderer geflohen. Gibt es einen Zusammenhang? Stecken gar korrupte Beamte dahinter? Schnell wird uns Zuschauern erzählt, dass beide Annahmen stimmen. Marie Hoflehner eine lebensenttäuschte Beamtin hat dem Algerischen Kleinkriminellen Hassan Adub zur Flucht verholfen. Das konnte sie deshalb, weil der Dreifachmörder Charly sie für eine Heilige hält. Sie sei die einzige, die Menschlichkeit im harten Knastalltag gelebt habe. Deshalb entwickelt er den Fluchtplan. Der arme Häftling Nic Schuster verliert mit Hassan seinen Beschützer, leidet unter Todesangst, tickt aus, erpresst Charly und wird als Sicherheitsrisiko durch eine Überdosis Heroin entsorgt.
Erstmal draußen entpuppt sich Wüstensohn und –fan Addub als übler Geselle. Marie hat sich bitter getäuscht. eine zweite Chance wollte sie dem Wüstensohn schenken, er nutzt die Freiheit zur Wiederaufnahme seiner Verbrecherlaufbahn. Marie kämpft dagegen an, mit körperlicher Liebe, Argumenten, Hoffnung und Ohrfeigen. Bevor Leitmayr und Batic uns Zusehern folgen und den Zusammenhang aufdecken eskaliert die Situation und Marie erschießt Hassan.
Der Tatort stellt nicht weniger als die große Frage nach dem Bösen. Und das kann er, weil er das Thema in eindrückliche Bilder hüllt und die Geschichte immer wieder spiegelt. Themen des Hauptplots werden in Nebenhandlungen auf genommen. Das Böse begegnet uns überall, in Mördern und schrecklichen Gewaltexzessen unter den Häftlingen, im Zynismus der Hauptkommissare und als Folge der selbstlosen Hilfe der „heiligen“ Marie. Spürbar wird in jeder Szene, dass - frei nach Jesus – sich Böses nicht mit Bösem überwinden wird. Jede Schlägerei führt zu schlimmeren Misshandlungen, dass dieser Weg in die Sackgasse und nicht in eine Resozialisierung führen kann wird klar. Aber auch der biblische Umkehrschluss „sondern überwindet Böses mit Gutem“ wird verneint. Die heilige Marie gibt Hassan die Chance die er vermeintlich verdient. Und die endet im eindrucksvollen Schlussbildes des Untergangs – einer Sonne, die den Münchner Abendhimmel samt Marienkirche wechselweise in wüstensandgelb und blutrot kleidet. In einer großartigen Spiegelszene wird erzählt wie ein weiterer Akt der Menschlichkeit – der Beamte wollte den Junkie Schuster nicht länger leiden sehen, drückte die Augen zu und schloss die Gemeinschaftsdusche mit Drogenversteck auf, ein Menschenleben kostete.
Ist die Botschaft des deutschen Leitkrimis demnach im Nihilismus angekommen? Böses existiert und egal was harter Staat und mitfühlende Mitmenschen machen, es bleibt? Nein, auch wenn sich die Kommissare Mühe geben den Zynismus des anderen noch zu übertreffen! Dagegen kommt ein möglicher weg im Verborgenem, Stillem (und Gescheitertem) daher. Marie ist lange diesen Weg der Menschlichkeit gegangen, indem sie den Häftlingen freundlich und fair begegnet ist – zur Katastrophe wurde er erst als die „Heiligkeit“, soll heißen das Gute-tun radikalisierte, auf die spitze trieb, als sie versuchte mit Gutem das Böse zu überwinden.
Eine Nebendarstellerin macht es besser: Spät treffen Leitmayr und Batic auf die Brieffreundin Nic Schusters. Eine Schwärmerin die einen parfümiert schwulstigen Briefwechsel mit dem Toten Knacki unterhielt. Damit hielt sie in bei Kräften in prekärer Knastsituation, unterstützte den Prügelknaben. Als er aber ankündigt, türmen und bei ihr untertauchen zu wollen, macht sie die Fliege und taucht bei ihrer Schwester unter. Ihre Hilfsbereitschaft hat Grenzen, da wo sie nicht mehr kann, da endet ihre Bereitschaft. Ein Überwinden der bösen Knastsituation ist mit ihr nicht möglich.
Und das ist vielleicht schlechteste Botschaft - weil sie dem Jesuswort die Radikalität nimmt und es humanistischer macht: Begegnet dem Bösem mit Gutem und verliert dabei weder den Blick für euer persönliches Vermögen noch einen langen Atem. Ob´ s zum Überwinden reicht? Dafür sorgt ein anderer.
Heiligenthal verliest sich….
Januar 7, 2010
Eine Email drudelt ein. Evangelischer Pressedienst, Stellungnahme des designierten Propstes Schmidt.
Ich fliege über die Überschrift und ein Reflex stellt sich ein. Post vom Vorgesetzten – Sicher nichts Gutes. „Propst Schmidt will Pfarrer entlassen“ lese ich. Das ist ja mal originell so zum Dienstantritt denke ich und merke schamrot, dass ich mich verlesen habe „Entlasten“ heißt es.
Das finde ich gut. So was habe ich von einem Propst bisher nur in einer Abschiedsrunde vernommen, zwei Wochen vor Ruhestand, wo er also gar nicht erst in Versuchung kommen konnte das in Aussicht gestellte auch umzusetzen. Sie werden sich kaum wundern, dass ich Schmidts Analyse teile, die Anforderungen an den Pfarrberuf sind gestiegen.
Und darüber müsste man mal reden.
Reden wir nicht über die allgemeine Beschleunigung der Zeit zu tun. Über die sich via Blog aufzuregen und das per twitter zu verbreiten wäre bigott.
Reden wir über die Erscheinungsästhetik. In Zeiten des PowerPoint und Photoshop kann ich meinen Gemeindebrief mehr per Schwarz-Weiß Kopierer zerknittern lassen. Die Medien geben uns einen Standart vor den wir ohnehin kaum erreichen, aber nahe dran kommen müssen, um wahrgenommen zu werden. Und reden wir über die nötige Professionalisierung und die Mehrarbeit, die diese Anforderung bedeutet.
Reden wir über den Package-Deal. Der beschreibt, dass die Anforderung an einen Pfarrer durch Anerkennung und Entlastungen auch finanzieller Art ausgeglichen werden müssen. Diesen tritt Kirchepolitik gerade mit Füßen! Diesen ganzen Quatsch, dass man jetzt gerne Weltkonzern spielt und sich den Regeln und Sprachregeln der Wirtschaft anpasst, will ich mir an anderer Stelle vornehmen. Hierher gehört, dass Urlaubsgeld durch „Gewinnbeteilungen“ ersetzt werden (kommen bald die Boni?), damit eine Schlechterstellung aber nicht kaschiert werden kann. Es ist auch kaum ausgleichend per Beteiligung an Renovierungskosten seinen Pfarrern die Miete faktisch um 25% zu erhöhen (nachzurechnen in meinem persönlichen Fall). Auch nicht unter „Motivation“ kann laufen, dass kritische Nachfragen dazu monatelang unbeantwortet bleiben.
Wenn wir gerade bei schlechter Kirchenpolitik sind, reden wir weiter über das Pfarrhaus. Dessen Unterhalt wurde in Hände der Gemeinde übergeben. Zugespitzt formuliert muss seitdem der Pfarrer mit seinem Kirchenvorstand entscheiden, ob der Gemeindeetat für Renovierungen belastet wird oder für anderes. So steht man vor der unglücklichen Aufgaben bei knapper werdendem Geld die eigene Wohnsituation gegen Gemeindearbeit abzuwägen. Schimmel in der Küche beseitigen und dafür Kindergottesdienst kürzen? Schlechte Kirchenpolitik, die Pfarrer als leitendes Personal belastet!
Reden wir weiter über die. Davon gibt es ja jede Menge, reden wir über Stellenstreichungen. Am Beispiel unserer kleinen Dorfgemeinde. Wir dürfen uns seit vorletzten Jahreswechsel z.B. zusätzlich um die Oberwaldklinik kümmern. Verbunden mit einer unrealistischen Erwartungen an Klinikgottesdiensten (dort soll im Jahr sechsmal so oft Kirche sein wie in unserem Fillialort Vaitshain!). Ausgleich für diese Mehrbelastung wurde nicht mal angesprochen.
Bleiben wir aber ruhig mal bei dem ersten Teilaspekt und reden über überzogene Erwartungen. Meiner Meinung nach gibt es für die eine angemessene Reaktion – sie zu enttäuschen. Damit stehe ich oft alleine auf weiter Flur. Ich unterstelle vielen Kollegen und kirchlichen Entscheidungsträger sich die Mehrarbeit und Belastungen so zu Eigen gemacht haben, dass sie sie unkritisch tragen und vertreten. Dabei Totschlagargumente wohin man schaut. Wie könnte ein Pfarrer schon was gegen Gottesdienstfeiern sagen (im Fall der Klinik)? Natürlich ist es wichtig am regelmäßigen Gottesdienst festzuhalten, aber nicht an jeder Milchkanne oder in jedem Klinikkabuff. Aber sag das mal. Es wird ja schon unter dem Punkt „Unmotiviertheit der Kollegen“ auf Pfarrkonferenzen nach besprochen, dass auf Sitzungen betont wird, dass die vereinbarte Zeit weit überschritten wird. Hier könnte man noch mal über meinen ersten Redebedarf reden, der Professionalisierung. Nehmen wir die nur Ernst, wenn sie uns Mehrarbeit bringt? Man könnte es vermuten!
Über das Thema „freien Tag“ braucht man im Kollegenkreis gar nicht mehr zu reden, mehr als ein müdes Kopfschütteln kommt da nix! Wie unprofessionell ist das denn, keinen fest verankerten freien Tag in einer sechs Tage Arbeitswoche zu haben. (Hat ja nicht mal der liebe Gott von sich selbst gefordert siehe Genesis 1). Sich selbst besser um Entlastung bringen als die Kirche das mit der beschriebenen Politik könnte – ticken wir so? Könnte man meinen zumindest wenn wir über Beerdigungen reden. Oh heikles Thema. Da sind Menschen in existentieller Not und dieser wollen wir als Seelsorger angemessen helfend, lindernd und begleitend begegnen. „Nah dran am Menschen“ sein, wie das der neue Vogelsberger Dekan als Leitspruch ausgegeben hat. Aber müssen die Aussegnungen (das sind kurze liturgische Rituale, die der Tradition nach gehalten werden, wenn ein Verstorbener aus dem Haus zum Friedhof überführt wird. Der Erwartungshaltung folgenden Praxis aber auch, wenn der Verstorbene vom Krankenhaus oder Altersheim zum Wohnhaus gebracht werden muss um dann zum Friedhof gefahren zu werden oder Stunden vor der Beerdigungsfeier direkt auf dem Friedhof oder noch anders) uns deshalb in eine faktische Rufbereitschaft versetzen? Oder muss deshalb der Samstag als Bestattungstag installiert werden?
Liebe Leserbriefschreiberin, bevor jetzt sie empört zur Feder greifen, will ich betonen: Ich lehne weder Aussegnungen ab, noch sperre ich mich dagegen Gemeindegliedern in Terminwünschen gerade in sensiblen Situationen entgegen zu kommen. Wohl aber gegen die Erwartungshaltung ein Pfarrer habe alles zu jeder Zeit zu machen. Aus Gründen, dass müsse halt so sein, Und vor allem dagegen das Recht auf angemessene weil notwendige Rückzugszeiten auszuhöhlen. Namentlich ein fester freier Tag die Woche. Das eingedenk warte ich gespannt auf kritische Replik (und werde sie schneller beantworten als unser Kirchenjurist).
Reden wir über den Versuch eines Fazits. Ich freue mich, dass der neue Propst die Entlastung Wochen vor seinem Antritt und nicht Abtritt thematisiert. Ich sehe Handlungsbedarf auf verschiedenste Ebenen. Auf der der Kirchenpolitik, die Auswirkungen der Regelungen auf die Motivation der Pfarrer in Blick nimmt. auf Ebene der Pfarrer, ihres Selbstbildes, ihres persönlichen Anforderungsprofils selbst. Und auf Ebene der Gemeindeglieder, ihrer Erwatung an ihre Kirche und deren hauptamtliche Vertreter.
Schönberg kam doch bis nach Crainfeld
Januar 1, 2010
Heiligenthal feiert 34 Jahre (tägliche Verfassung) 1 Kommentar
So ihr Freunde der gepflegten Satire als Überlebensstrategie. Es begab sich aber zu der Zeit als Chöre ständige Gäste im Gottesdienst sind, dass ein Gebot von Pfarrer Heiligenthal ausging, dass edler Klang die Kirche erfülle und zur Erbauung der Gemeinde mit ihr musiziert werde. Und was dabei dann so rauskommt reizt mich alle 4 Jahre zu einer kleinem Groteske. Die letzte habe ich, obwohl frei erfunden wegen vermeintlicher Ähnlichkeit zu tatsächlichen Vorkommnissen wieder aus dem Blog getilgt. Mal schauen wie lange diese drinbleibt.
Nennen wir das Gedankenspiel „Schönberg kam doch bis nach Crainfeld“ und lassen es beginnen:
Bei uns sitzt der Chor, sei es eigener oder Gäste im Chorraum. Das mag man erstmal für ein schlüssiges Konzept halten, doch existiert das Richtige nicht nur im Falschen sondern auch umgekehrt.
Zum einem gibt das manchen Chören die Gelegenheit maximale Wege von Sitz- zu Singplatz zurückzulegen. Man will ja nicht nur gehört sondern auch gesehen werden. Und außerdem scheinen sich Stimmnachbarn all die wichtigen Geschichten für diesen Weg zur chorischen Hin-, Auf-, Um- und endgültigen Aufstellung aufzuheben. Da har man ja die Zeit, das in aller schamlosen Lautstärke zu erzählen. Aber fas ist eigentlich eine ganz andere Geschichte.
Zum anderen entsteht. so ein Phänomen das ich mal „den atonalen Chorraumhall“ nennen möchte und das so geht. Singt der Chor beim m Gemeindegesang von seinem Sitzplatz aus mit, dannn macht er das grundsätzlich in einem anderen Tempo. Unterschiede von drei, vier Sekunken der einer Dreiviertel Liedzeile sind keine Seltenheit. Nun mag der ein oder andere Chor mit Atonalität bestens vertraut sein, aber das Phänomen fällt den Sängern durchaus auf. Und dann versucht mal die fehlende Synchronität durch Lautstärke zu kompensieren. Das hat sich der liebe Gott so sicher nicht gedacht als er uns das Singen schenkte.
Wir haben das im Kirchenvorstand darüber gerätselt. Eine Vermutung war, der atonale Chorraumhall entstünde, weil der Chor am anderen Ende der Kirche also weit von der Orgel wegsitze. Dagegen sprechen aber drei Dinge.
a) Ich Sitze auch da. Und es ist gar kein Problem mit der Gemeinde zu singen.
b) ein geübter Chor verzögert nicht zwangsweise. Er kann durchaus auch schon die dritte Strophe begonnen haben, während der Rest gerade die zweite beendet.
c) sollte die Schallverzögetung tatsächlich ursächlich sein, müsste nach physikalischen Gesetz die Kirche 1,2 Kilometer lang sein.
Und deshalb kommt es immer wieder zu solchen Szenen wie dieser, die natürlich frei erfunden ist und deshalb Ähnlichkeiten mit real „musizierenden“ Personen rein zufällig.
Ich muss vorausschicken , dass ich im Umgang und der Kombination von Musik, Texten und Liturgie ziemlich outstanding bin. Immer wieder ein Genuss zu erleben wie Von mir Psalmen mit kommentierenden oder fortschreibenden Gesangsbuchliedern vereint werden. Aber ein Weihnachten habe ich die Rechnung ohne den Chorraumchor gemacht. Das Fürbittgebet beginnt , es ist abgestimmt auf das wunderschöne „Es ist ein Ros entsprungen“, das strophenweise gesungen wird. Die erste Strophe beginnt, die Orgel setzt ein. Der Chor auch. Auswendig und in der ersten Strophe sehr textsicher. Aber er singt sehr viele Achtelnoten. Singt man viele Achtel wo Viertel stehen, die der Rest der Kirche samt Orgel anstimmt, dann hat man schnell eine halbe Strophe Vorsprung.
Gott sei Dank, ist das Elend recht schnell vorbei. Aber nach kurzem Gebetsanliegen droht die zweite Strophe. Der Chor setzt ein. Textlich wird die Gestaltung jetzt kreativer. Aus Blümelein wird Röslein klein u. ä. An der falschen Geschwindigkeit will der Chor nichts ändern. Ich drehe mich um und versuche den Takt zu dirigieren. Einzelne verstehen das als Aufforderung plötzlich sehr laut zu singen. Ich wnde mich ab und mache ein entsetztes Gesicht.
Dritte Strophe. Einzelne Stimmem im ersten Tenor überschlagen sich jetzt. Das ist nicht so schlecht. So überhört es sich leichter, dass der Text – rein heilsgeschichtlich betrachtet – ins Groteske abdriftet. Ich fange aus Verzweiflung an zu beten. Gott antwortet barsch: „Weißt du denn nicht , dass Weihnachten ist? Da habe ich viel und wichtigeres zu tun!“. Wenig tröstlich, aber immerhin, ich scheine kein Einzelschicksal zu sein.
Vierte Strophe. Ich versuche mit Gott einenKuhhandel. „Könntest du mich nicht spontan ertauben lassen, Herr?“. „Mildernde Umstände gibt’s erst ab fünfzehn Dienstjahren!“ ist die Antwort. „Und jetzt hör’ auf zu heulen sonst verpass ich dir einen Tinitus mir der Jingle Bells Melodie!“. Das sitzt. Ich singe die vierte Strophe noch ein wenig mit. O Jesu bis mein Scheiden aus diesem Jammertal. Der Text gibt meiner Gefühlswelt Worte. Der virrauseilende Chor erlaubt, dass ich die Zeile gleich zweimal voll Inbrunst anstimmen kann ohne aufzufallen. Ich warte dann noch geduldig bis die Gemeinde auch fertig ist und spreche den Segen.
Heiligenthal freut sich nicht auf Weihnachten – oder doch
Dezember 24, 2009
Früher, wenn ich an meinen Widersprüchen zu verzweifeln drohte, meinte die Oma souverän Weise: „Alla bischt holt n Zwilling. “ Und ergänzte aufmunternd: „Un außerdem optimistisch!“ Die Gute die zwar einige Jahrzehnte aber doch nur drei Tage vor mir Geburtstag feiert, weiß wohl ganz gut, was das heißt und dass man besser so früh wie möglich seinen Frieden damit schließt: Für uns gibt es halt nicht das eine oder das andere, nichts mit Tee oder Kaffee und Hund oder Katze, sondern immer: wenn das, dann auch sein Gegenteil.
Und weil das mit den Zwillingen immer so ist, gilt das auch heute: Ich liebe Weihnachten. Große Bäume mit roten Kugeln im Wohnzimmer, Bach Oratorium auf Anschlag, Kekse ( Oma würde sagen „Guzel“) , volle Kirchen, der Rumtopf darf verkostet werden, die alte Weissagungen der Propheten wollen gelesen werden und dann interpretiere ich zur Freude aller klassische Choräle schief auf diversen Blockflöten.
Aber weil das mit den Zwillingen immer so ist, hasse ich dieses Xmas Theater. Oh wie mir das gegen den Strich geht. Da hockt die Kirche voll und wenn dann die Orgel „Nun singet und seid froh“ intoniert singt kaum einer mit. „Hallo jemand da? Weihnachten feiern ohne mitmachen is’ nicht“ würde ich gerne der Gemeinde entgegenschleudern, „als Strafe singt jetzt mal die erste Bank alleine, ohne Orgel ‘Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit’“, traue mich aber ebensowenig wie endlich als Antwort auf den Nichtgesang ein „Scheiß Tribüne“ anzustimmen. Aber auch so zeigt die Atmosphäre Wirkung. Fast Alle Jahre wieder bestätige ich die Kommunikationstheorie nach der eine gelungene Rede im Zusammenspiel von Redner und Hörer entsteht und versiebe unfröhlich die Weihnachtspredigt, auch wenn das Material mitunter gar nicht übel ist. Können die unterstellten unterschiedlichen Erwartungshaltungen je zusammenfinden?
Aber als Zwilling ist man ja seit Blogbeginn bekanntlich optimistisch. Und so nehme ich das Gute mit – darauf einem Rumtopf, praktiziere Nächstenliebe und verteile vor dem Blickflöteninferno Oropax und versuche mit der Born to Cook Weihnachtspredigt Duktus und Ton so verfehlen, dass die Sache ordentlich wird. Im Restjahr klappt diese Technik eigentlich ganz gut.
Warum ich für die Bayern bin
Dezember 9, 2009
Darf ich eigentlich dem FCB die Daumen drücken, Frage ich mich vor dem heutigen Championsleaguespiel.
Der Theologe in mir zuckt. Eine Frage, die Stellungnahme verlangt. Was tun? Erstmal Zeit gewinnen. „Das muss man differenziert sehen „. Der Satz ist immer gut. Antworten doch alle.
Mein innerer Seelsorger schaltet sich ein. „Warum fragt ich mich eindeutige Fragen , wo doch der Theologe die Antwort als solche scheut.?“
„Was bildet sich der Seelsorgerangeber eigentlich wieder auf sein Psychologiehalbwissen ein , fragt der Theologe zurück. So ein Quatsch: es zählen nur die richtigen Fragen…. „
„Hörst du da dein Über-Ich?“, kontert der Seelsorger gewohnt souverän.
„Lach ich nicht mal drüber, an Freud glaube ich nämlich nicht. “ Das sitzt. Seelsorger übt sich in Sarkasmus: „Hat dein Vater auch immer gesagt, bevor du ihn erdolcht hast. „
Ich koche einen Grüntee. Wenn die zwei sich streiten, kann das dauern. Und außerdem will ich meinen Magen nicht verärgern. Ist schon so genug los.
Bei so einem Kaffeederivat kann man ja herrlich über die wichtigen Fragen sinnieren. Also: Soll Bayern heute gewinnen?
„Wenn dein Ego Krücken braucht, dann werd’ doch Bayernfan“ nervt der Seelsorger. Mensch ich bereue die paar Jungs und die er exerpiert hat.
Sicher schlägt das Herz heute im Dreiviertel Plattlertakt. Warum sollte man denn Turin dem Deutschen Verein vorziehen. National? Ach was seit der letzten WM erlaubt. Schizophren? Gut, ich sag mal, in der Liga hasst man ja das erfolgreiche Rumgekicke der Münchner so sehr, dass man ihnen Trainer wie Klinsmann und Van Gaal gönnt, international sollen sie die Italiener aber ruhig weghauen. Aber zur Schizophrenie neige ich ja offensichtlich eh (Schnauze Seelsorger) also auch o. K.
Außerdem verbinden sich mit den internationalen Roten zwei Schlüsselerlebnisse, die die Daumen fester drücken lassen. Erstens: Die Mutter aller Niederlagen. Ich durfte mir das Spiel in einer tanzanischen Kneipe mit Stromschankungen und miserablen Flaschenbier dazu anglophilen Afrikanern anzuschauen. Neben mir mein Freund Klavu, Manufan par exellance, mit dem eine Wette um den Deckel lief. Zum Glück redet er nicht viel, einerseits Finne andererseits weil er eine gefühlte Tonne an Spacecakes essen musste, hauptsächlich aber wegen Baslers 1:0 Der An den Moment als der sympathische Finne reiflich verzögert realisierte, dass das da eben keine Wiederholung sondern dass entscheidende 1:2 war, er in Humoresken Swahili die ewig englisch-finnisch-tanzanische Freundschaft proklamierte, alle umarmte und Freibier für alle bestellte (Wettverlierer zahlt den Deckel), erinnert eine kleine Plakatte am Tresen. Jakob ist nach spontaner Kotzorgie auf dem Teppich eingeschlafen. Arbeite an Strategie ihn ins Bett zu kriegen, warte auf Hilfe, halte Wache und daddle zum Zeitvertreib.
Zweiter Grund. Wieder Endspiel, wieder Bayern, wieder Kneipe. Nur diesmal gegen Valencia und in Mainz (Partnerstadt von? Natürlich Valencia). Zwei Salonlinke regen sich permanent spanische Lebensart bewundernd über die schlechtgelaunten Deutschen auf. Nörgeln am öden Bayernspiel herum, obwohl die Spanier noch grottiger kicken. Und geißeln München als Geldsäcke, wobei der. Kader Valencias gut gerne das Doppelte gekostet hat. Das alles ist ungefähr so gut, wie die Brankenkrise und den Ymoralverfall der Wirtschaft schlecht zu finden und dann FDP zu wählen.
Und weil solches Verhalten (Runden schmeißen auf meine Kosten und Guido zum Außenmi ister zu machen) abzulehnen ist, bin ich heute für Bayern, Stern des Süüüdeeens, Forever Nr. One.
Ex-Minister Jung schmeißt uns die Scheiben ein….
November 30, 2009
Heiligenthal feiert 34 Jahre (tägliche Verfassung) Hinterlasse einen Kommentar
Ex-Minister Jung schmeißt uns die Scheiben ein….
Ne, ne da habe ich wohl was zwei News durcheinander gebracht.
Erste Nachricht: Jung ist jetzt nicht mehr Minister. Nicht mal weil er als Verteidigungsminister das Wörtchen „Krieg“ nicht aussprechen konnte. Auch nicht, weil er mit schmierigen Lügen um jüdische Vermächtnisse und Nibelungentreuen (wie passt das jetzt wieder zusammen?) seinen ChefKoch vor dem Kadi bewahrt hat, deshalb wurde er ja als Minister erst eingesetzt. Sondern weil er sich durchs Amt gelogen hat – was Fränzchen schon kann, kann Josef noch mehr – und als es rauskam nicht mal in Arsch in der Hose hatte ordentlich zu gehen, z.B. Mit einem Wort des Bedauerns um die zivilen Opfer, die er ehrabschneidend vertuschen wollte. Wie ein echter Rhoinhessebilligriesling eben, sauer und schwach im Abgang.
Zweite Nachricht: Irgendwelche Rotzer schmeißen auch der Kirche in Grebenhain die Scheiben ein. Man weiß jetzt nicht genau welche, aber unvorstellbar ist das nicht, das es die Jugendlichen sein könnten, die auf dem Tanzplatz saufend rumhängen anstatt in den Unterricht zu gehen.
Frei nach Dittsche muss es da doch einen Zusammenhang geben? Abstrus? Find ich gar nicht.
Da hängen sich jeweils Schichten vom gesellschaftlichen Common Sense ab. Die abhängenden Jugendlichen, vornehm das kommende Prekäriat scheißt auf Regeln und sieht nicht ein, dass die Kirchengemeinde herzlich wenig dafür kann, dass es in Schule und Elternhaus nicht so toll läuft.
Nicht anders die Elite. Auch die mag sich nicht mehr an Motal zu orientieren, vermag das in der Regel aber besser zu verschleiern, da sie ja selbst die Gesetzgebende Kraft ist.
Oder könnte man unseren Problemjugendlichen diese Elite vor Augen führen. Die solche längst nicht mehr im Auge haben. Weil man sich nur noch um sich selbst dreht. Oder kann man angesichts des neuen Kabinetts im Ernst behaupten, dass das nach Qualifikation und Fähigkeit Männer und Frauen unser Land gestalten? Ein Außenminister, der das zwar schon lange Jahre werden will, sich aber nur mit Wirtschaft und Finanzpolitik befasst hat und die Oppositionsjahre nicht mal genutzt hat, um ein bißchen Englisch zu lernen. Die Kabinettsumbildung macht die Sache noch deutlicher. Aus der Sozialpolitikern wird eine für das Arbeitsressort. Was hat die neue Familienministerin vorzuweisen. Ist weiblich und kommt aus Hessen. Muss dem Wähler reichen. Geht nicht um Geneinwohl. Geht um parteiinternes Postengeschacher. Kinner, Fachwissen ist nicht alles. Soll aber auch nicht schaden. Es sei denn man hat viel davon und passt den Machthabern nicht wie der zukünftige ExChef des ZDFs Brender.
Jetzt bin ich so schön am Aufregen, dass ich aus Versehen unserer Regierung unterstellt habe sie habe die Macht. Sorry, wo doch die politische Kaste gerade alles unternimmt das richtigzustellen. Die Kanzlerin lässt Arbeitsgeberverter ihr Konzept vom Pult des Bundespresseamtes verlesen und wenn sie artig auf dem Arbeitgebetgipfel spricht, dann darf ihr der alter Hund danach vor den Kamaras der Tagesschau auf die Schulter klopfen:“Hasch fein Gemach Mädel.“ Fehlte noch, dass er ihr einen gerollten Hunni in den Ausschnitt schob: „Kaufscht dir was Nettes.“ Ekelhaft und doch so ehrlich. Denn es zeigt wie schamlos die Wirtschafts- und Bankenelite macht was sie will.
Z.B. die Betriebe, die mit ihren Steuern die Banken gerettet haben, denen so viel angeblich notwendiges Geld in den Arsch geblasen wurde, dass sie jetzt schon wieder fette Gewinne schreiben, in der Kreditklemme kaputgehen zu lassen. So viele Scheiben können uns die Assos gar nicht einschmeißen um den Grad an assozialem Verhalten zu erreichen.
Denk ich an Deutschland in der Nacht….
zum Glück ist Advent. Eine dunkle Zeit mit Ausrichtung suf ein kommendes Licht. Advent ist die Zeit der Hoffnung. Und so gebe ich die nicht auf, dass wir irgendwann mal wieder eine Wirtschaftselite haben, die ihr wirtschaften an Nachhaltigkeit ausrichtet und das Gemeinwohl nicht aus dem Blick verliert. Politiker, die nur das machen was sie auch können und das wahrnehmen was sie sollen, unter anderem an einer Gesellschaft zu Basteln in der Chancengerechtigkeit herrscht. Und ein Prekäriat, das aus diesen Chancen etwas machen will.
Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal! Geht das denn? Vermutlich nicht.
Sollte es eines schönen Tages doch wahr werden, mögen bis unsere Randalierer auf einen gefrusteten Exminister Jung treffen. Sagen wir mal im Bendlerblock bei ein paar Büchsenbier und Barolo beschließen schwarz mit dem ICE nach Frankfurt zu fahren und dem Ackermann in der Deutschen Bank die Scheiben einzuschmeißen.
Heiligenthal soll trauern
November 15, 2009
Heiligenthal feiert 34 Jahre (tägliche Verfassung) Hinterlasse einen Kommentar
Ein gestriger Tweet lautete in etwa, dass Dekanatssynoden und Volkstrauertage jetzt nicht unbedingt die zwei Hauptgründe für meine Berufswahl waren. Aber einmal im Jahr ist es dann unausweichlich. Mag sein, dass die Predigt Kategorie „Mahnen und Warnen“ nicht so den zu den besseren zählt, aber der Gottesdienst läuft trotzdem einigermaßen, eine gute Liturgie und Lieder tragen. Spätestens auf dem Friedhof, Stichwort Kranzniederlegung am Ehrenmal, muss ich an Martin Walser denken. Der badische Dichterfürst erzählte seinerzeit in der Paulskirche so einen Mist (Israel missbraucht die Shoa zum Politikmachem), dass die beachtenswerte Aspekte unter der braunen Scheiße begraben wurde (vgl. Sarrazin).
Und die gab es. Jetzt erinnere ich mich. Hier auf dem Friedhof am Ehrenmal auf dem ein großes Eisernes Kreuz steht, gerade haben wir „ich hatt einen Kamaraden“ gehört, gefolgt vom offiziellen Gedenktext und anschließenden Kranzniederlegungen. Walser meinte, jede Generation müsse ihre eigenen stimmigen Riten, Zeichen und Formen des Gedenkens finden. Meine, die zweite Nachkriegsgeneration hat das offensichtlich noch nicht getan, jedenfalls bin ich der einzige unter 50, soweit ich die überschaubare Besucherschar überblicke.
Wie schwer das ist, Traditionen durch neue Formen zu beleben, darüber habe ich mich diese Woche auf unserer HP kirche-crainfeld.de ausgelassen – leidiges Thema „Schulgottesdienst“. Dass es nötig ist, um das wichtige Erinnern der Auswirkungen von Krieg und Gewalt in die Generationen zu tragen, die es nicht am eigenen Leib spüren mussten oder die Trauer der Eltern erlebten, habe ich an diesem Tag gelernt.
Der Hanftag
November 7, 2009
Heiligenthal feiert 34 Jahre (tägliche Verfassung) Hinterlasse einen Kommentar
Es ist morgen. Gewohnt liebevoll hat der Pfarrer seinen Lieben das Frühstück bereitet. Da betritt die Pfarrfrau das Esszimmer, rümpft die Nase, setzt einen vorwurfsvoll-kritischen Blick auf und meint:“Riecht es hier etwa nach Hanf?!“ Der Pfarrer schnüffelt und entgegnet dann eine Spur zu lässig mit kryptischer Gegenfrage (man kennt das ja: Vorwürfe treffen gerade wenn sie unbegründet sind, oder wer hat kein schlechtes Gefühl, begegnet man der Polizie, selbst dann wenn man wegen vorausgurkendene Opi ausnahmsweise mit 50 innerorts unterwegs ist): „Du meinst doch nicht etwa?“ Der Verdacht liegt angesichts aktueller Familiensituation eher fern, deshalb entschließt sich das Paar analytisch vorzugehen. Woher könnte der ungewohnte aber nicht unangeheme Duft strömen. Erstmal eindeutlig: Epizentrum der Schwaden ist der Toaster! Wie kommt der Duftstoff in das Gerät hinein? Man kommt auf eine Änderund der daily routine. Heute morgen schob der Pfarrer Lidltoat in die Toaster. Zur Entschuldigung: Das Paar musste dem Schweinesystem nachgegen, da das natürlich selbstgebackene Biodinkelbrot schleiht und ergreifend alle war und der unsympatische Diskounter die einzige Möglich an Nachschub zu kommen. Die Pfarrfraugeht sofort die Inhaltsstoffe auf der Verpackung nach. Man traut denen mittlerweile alles zu. wer Dioxin ins Fleisch mischt und käsefreien Käse anbietet, der steckt auch zur Kundenbindung THC in den Toast. Der Pfarrer wendet aber kritisch eion, dass Hanf sicher teurer wäre als Weizenmehl und man sich doch noch gewundert hätte wie das alles sooo billig sein könne (sogar gegen Aldi) und überhaupt. Die Pfarrfrau stimmt zu, findet auch nichts verdächtiges auf der packung abgesehen von den 12 E irgendwas, aber die sind in der regel ja nur schädlich ohne dabei zu schmecken oder riechen. Nach fruchtlosen Überlegen und lustlosen Knabbern an den Toastscheiben (jetzt wo´s bezahlt ist will man ja nichts wegwerfen, außerdem ist nichts anderes im Haus) keimt die Idee doch mal den Toaster umzudrehen. Es rieselt alte Krumen und es duftet der Pfarrer summt unwillkürlich einen CCR Song. Da kommt etwas. Etwas pflanzliches, ein Halm. Die Pfarrfrau triumphiert also doch? Nein und jetzt aufgepasst liebe Hanfphobe, die ein wenig auf den Geldbeutel oder dioe Haarprobe achten müssen. Ein Stückchen des zum troknen aufgehängten Beifußes (latse Weihnachtsentengewürz) ist in den Toaster gestürtzt und alleiniger Grund für die morgendliche humoreske Szene.
Ob die Wirkung ähnlich ähnlich ist wie der Geruch, darf gerne ausprobiert und als Antwort gepostet werden.
Heiligenthal liest (trotz Ertsatzbrille)
Oktober 27, 2009
Heiligenthal liest Hinterlasse einen Kommentar
Wenn man Familiensagen vor sich hat, dann spielen die nicht selten in Schweden,verfolgen bürgerliche Generationen mit Liebschaften, Intrigen und und lesen sich deshalb wie kalter Kaffee. Es geht aber auch
anders: Junot Diaz verfolgt das kurze wundersame Leben des Oscar Wao.
Das spielt in den USA wurzelt aber in Haiti und wird bestimmt durch Sex und Drugs sowie Vodoo und Fuku (eine besonders fiese Art des karbischen Fluches). Von dem einen hat der fette Oscar deutlich zu wenig, dafür wird er mit Letzterem reichlich „gesegnet“. Bis der Antiheld den Heldentod sterben darf verfolgt Diaz mittels unterschiedlichen Erzählern das Leben der Familie Wao, erzählt uns im irren Tempo vom Grauen des Papa und Baby Doc Duvalier Regimes und beweist, dass Dramen ganz unschwedisch fesseln können.
Apropos Tempo: Im Erstling von Thomas Klupp „Paradiso“ geht’s auch rasant zu. Eigentlich ein Road Movie in Buchform: Alex Böhm versucht von Berlin aus in eineinhalb Tagen nach München zu kommen, wo die neue Freundin ihn am Flughafen erwartet. Wie das halt so ist kommt was dazwischen. Hippie Frauen bieten Mitfahrgelegenheiten und mehr und dann liegt da noch die alte Heimat auf dem Weg und da steigt am See Paradiso die Party des Jahres. Hört sich bis hierhin postpubertär an und ist es auch und trotzdem große Literatur. Ich weiß nicht warum (und die Vermutungen sind nicht besonders angenehm), aber Klupp schickt mit Alex ein ausgemachtes Arschloch on Tour und trotzdem folgt man ihm gebannt und hofft, dass am Ende alles gut wird und die Party katharsisch endet (wohlwissend dass das gar nicht sein kann).
„Buchmesse“ ist das nächste Stichwort. Die Frankfurter Macher versuchen uns die exotischsten Länder näher zu bringen. Indien ist noch gar nicht lange her, und heuer ist die humorige Diktatur aus dem Reich der Mitte dran. Ich bin eigentlich zu alt mit der Literatur noch anzufangen und den Versuch es doch zu tun, habe ich folgerichtig bereut. Balzac und die kleine chinesische Schneiderin heißt das Machwerk von Dai Sije Hier geht es um zwei bauernschlaue Sudies die von Maos Schergen zwecks politischer Neuorientierung aufs unwirtliche Land verschickt werden. Das harte Schicksal meistern die beiden dann durch die Liebe und die Liebe zur Literatur und auch noch die Liebe zur Literaturvermittlung an Geliebte. Nie waren politische Verbrechen süßlicher in Szene gesetzt. Wenn mir mal wieder nach „Der Wert der Kultur“, greife ich zu Jakobs Buch „Frederic“ (Leo Leonie), ist noch goldiger und sind wenigstens Bilder drin.
Von süß zu sauer. Hier geht es um Äpfel, genauer um den Geschmack von Apfelkernen, soll heißen die Autorin Katharina Hagene ist schwer metaphernreich unterwegs. Und so entspinnt sich eine Familiensaga nach schwedischem Muster (siehe oben) mit allem was überflüssigerweise dazugehört: Frauen in unterschiedlichen Ansehlichkeiten und Beziehungsständen, Rückblenden, Erinerungsfetzen, Bildworte und Aphorismen; Achtung Beispiel „Ist Erinnern Teil Vergessens oder Vergessen Teil des Erinnerns?“. Wenn ich so was lesen mag, Leihe ich mir ein Poesiealbum meiner fünften Klasse. Das Buch wirkt wie aus dem Wir-machen-einen-Bestseller-Baukasten zusammengesetzt So verdient es vielleicht den Bernhardt Schlink Gedächtnispreis ( auch so ein Zusammenschwurbler) aber keine weitere Aufmerksamkeit.

Twitter
Facebook
RSS
